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Die Adoption meines Sohnes Thorsten - 1973










Ich habe in der nachfolgenden Schilderung einige Namen geändert, um die Privatsphäre meines Sohnes zu schützen. Zunächst einige Erklärungen über meine damalige familiäre Situation.



Ich wurde in einer Familie mit zwei Schwestern groß. Meine Mutter starb nach langer Krankheit an Krebs als ich 12 Jahre alt war. Mein Vater, an dem ich sehr gehangen hatte, starb an einem Herzinfarkt als ich 17 Jahre alt war. Meine neun Jahre ältere Schwester fiel als „unterstützendes" Familienmitglied aus, da sie durch Krieg, schreckliche Erlebnisse während der Flucht und die nachfolgenden Hungerjahre, psychisch und körperlich krank war. Meine zweite Schwester ist fünf Jahre jünger als ich, und wenn ich in dieser Geschichte meine Schwester erwähne, meine ich immer die jüngere. 



Unsere gesamte Verwandtschaft war durch den Krieg in alle Winde zerstreut. Die eine Hälfte lebte in der DDR, die andere in verschiedenen Orten der Bundesrepublik, etliche waren auch gefallen oder sonst wie umgekommen. Der Zusammenhalt der Verwandtschaft bröckelte nach dem Tode meiner Mutter immer mehr ab. Nach dem Tod meines Vaters gab es keine Kontakte mehr. 



Meine Schwester und ich wurden bis zur Volljährigkeit, bei mir war das erst ab dem 21. Lebensjahr, vom Sozialdienst Katholischer Frauen verwaltet. Ich ging nach dem Tod meines Vaters noch fast zwei Jahre weiter zum Gymnasium, brach die Schule dann aber wegen verschiedener Schwierigkeiten ab und suchte mir eine Arbeit, da ich es auch nicht schaffte, mit der Waisenrente auszukommen. 



Als ich Frank, von Beruf Polizist und späterer „Erzeuger" meines Sohnes, kennen lernte, war es für mich das, was man langläufig Liebe auf den ersten Blick nennt. Ich war damals mit einigen Freundinnen in meiner Freizeit beim Malteser Hilfsdienst tätig und so lernten wir bei größeren Veranstaltungen auch die eingesetzten Polizisten kennen. Zu dieser Zeit war Köln für „Jungbullen" eine attraktive Stadt – das Chicago des Westens. Sie kamen aus ganz Deutschland und die meisten davon waren auf der Suche nach Abenteuern und einer Freundin, was in diesem Alter ja normal ist.



Ich war damals eine temperamentvolle und lebenslustige junge Frau, auf der Suche nach einem Partner, meinem „Traumprinzen". Als ich glaubte, ihm begegnet zu sein, stellte ich fest, dass er leider ein Manko hatte - er war verlobt. Für mich im Grunde genommen damit unerreichbar. Er hatte aber offensichtlich auch Interesse an mir gefunden, entlobte sich und erkor mich zu seiner „Traumprinzessin". 



Nun schildere ich das, was ich damals nicht wusste. Als ich Frank kennen lernte waren gleichzeitig mehrere Herren an mir interessiert, was ich aber gar nicht bemerkte, da ich nur Augen und Ohren für ihn hatte. Für Frank war es jedoch eine Herausforderung - nach dem Motto: „Wer macht das Rennen?" Einer dieser Bewerber hat mir später einmal gesagt, hättest Du Dich für mich entschieden, wäre alles anders gekommen. Tja, ich liebe die Wörter, hätte, wenn, könnte, usw.



Nachdem Frank mich nun „erobert" hatte, musste er noch das Problem lösen: „Wie kriege ich sie ins Bett." Das funktionierte nach einer von ihm schon zuvor ausprobierten, bewährten Verlobungsmethode. Ca. 3 Monate nach unserem kennen lernen, steckte er mir eines Abends (ganz romantisch, bei Kerzenschein und Wein) einen Ring an den Finger und verlobte sich mit mir. Er hatte mich „rumgekriegt" und konnte seinen Freunden wieder einmal beweisen: „Ich bekomme jede dahin, wo ich sie haben will!" Wenn ich mir die Gespräche in dem Polizeiwohnheim vorstelle, dreht sich mir heute noch der Magen um. Seinen Ring hatte Frank ja noch und den anderen wird ihm seine Entlobte wohl nachgeschmissen haben. So wurde die ganze Sache billig. 



Ich war nun glücklich verliebt und hatte einen starken Mann an meiner Seite. Ich glaubte ihm, dass er mich liebte, dass er mit mir eine Familie gründen wollte, etc. Das hatte er auch schon mit seiner vorherigen Verlobten vorgehabt, weil er ja so anlehnungsbedürftig und familiär war. Sie war aber das grauseligste Ungeheuer, welches ihm jemals über den Weg gelaufen war. Gott sei Dank, hatte er es ja rechtzeitig erkannt und dann eben auch noch in mir das große Glück seines Lebens gefunden. Bedingt dadurch, dass auch mein Vater drei Jahre zuvor gestorben war und somit unsere Familie fast nicht mehr existierte, fielen Franks Worte bei mir auf besonders fruchtbaren Boden. Ich konnte und kann mir ein Leben ohne Familie nicht vorstellen. Ich weiß heute noch nicht, wie ich hätte merken sollen, dass er mir das Blaue vom Himmel herunter log.



Meine Schwangerschaft, ein knappes Jahr nach unserem kennen lernen, war nicht geplant. Aber als ich es dann war, gab es für mich überhaupt keinen Grund, warum ich hätte abtreiben sollen. Jetzt war ja nur das eingetreten, was wir einige Zeit später sowieso vorhatten. Und wenn Du schwanger bist, kannst du dich nur entscheiden, entweder das Kind zu bekommen oder nicht, auch wenn Du erst 20 bist, verschieben geht nicht! 



Apfel gebissen. Ich kann mir vorstellen, dass seine Kollegen sich vor Schadenfreude halb tot gelacht haben.



Also, Frank stand nun vor dem Dilemma: „Wie komme ich aus dem Schlamassel heraus, ohne das Gesicht zu verlieren." Und er fing an, mich auf subtile Art und Weise fertig zu machen, gleichzeitig begann er neben seinen Eintagesaffären, von denen ich damals allerdings nichts wusste, eine feste Beziehung zu einer 10 Jahre älteren Frau Doris, die keine Kinder haben wollte. 



Im Abschnitt „Der Erzeuger" schildere ich etwas mehr hierzu. Fazit war, dass wir uns trennten als ich Ende des 5. Monats schwanger war, und Frank mit Doris zusammenzog. Als erstes schafften die beiden sich dann einen Hund an. 



Am Tag der Geburt (1973 - ich war mittlerweile 21 Jahre alt) war ich alleine zu Hause. Meine Schwester war in der Schule. Ja, und dann wusste ich warum man „Wehen" Wehen nennt. Diese setzten bei mir so plötzlich und heftig ein, dass ich dachte, mein Ende ist gekommen. Als meine Schwester von der Schule nach Hause kam, holte sie eine Nachbarin und diese hat mich dann ins Krankenhaus gefahren. Und drei Stunden nach der ersten Wehe war mein Thorsten auf der Welt, gesund und munter. 10 Tagen später wurden Mutter und Kind aus dem Krankenhaus entlassen. 





Ich war damals bei der Firma H. beschäftigt, die mir aber gekündigt hatte, da ich auch häufiger wegen „Krankheit" fehlte. Bis zum Zeitpunkt der Geburt habe ich mein Gehalt (DM 800 brutto) von dieser Firma bekommen, die nächsten 8 Wochen hätten von der Krankenkasse bezahlt werden müssen. 



Als von der Krankenkasse kein Geld kam, habe ich dort angerufen und mir wurde gesagt, dass das Geld kurzfristig überwiesen würde. Ich habe daraufhin einige Tage gewartet und als nichts kam, wieder angerufen. Dann wurde mir gesagt, dass sich irgendetwas verzögert habe, dass das Geld jetzt aber angewiesen würde. Ich habe wieder einige Tage gewartet und es kam wieder nichts. Nach einem erneuten Anruf sagte man mir, dass der Sachbearbeiter in Urlaub gegangen wäre und man meine Akte nicht finden könnte, ich sollte doch bitte warten, bis der Sachbearbeiter wieder aus dem Urlaub zurück wäre (2 oder 3 Wochen). 



Ich habe die Zeit abgewartet und dann wieder bei der Krankenkasse angerufen. Der Sachbearbeiter war da und sagte mir, dass er alles richtig gemacht hätte, irgendwie wäre wohl auf dem Verwaltungsweg die Anweisung verschwunden und meine Akte sei im Umlauf, er könnte deshalb momentan nicht nachschauen, wie der aktuelle Stand sei. Ich sollte mich doch noch etwas gedulden. Zur Erklärung für mein „geduldiges" Verhalten muss ich folgendes anmerken. Es war mein erster Job. Von den Regeln und Mechanismen der Arbeitswelt hatte ich zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung. Behörden, wie Krankenkasse etc. waren für mich Autoritäten, die es besser wussten, alles richtig machten und natürlich weit über mir standen. 



Nach dem Telefonat mit dem Sachbearbeiter hat mich aber dermaßen die Wut gepackt, dass ich am nächsten Tag zur Krankenkasse fuhr, um mit ihm persönlich zu sprechen. Er wurde dann ziemlich unverschämt und ich verlangte nach seinem Vorgesetzten, weil ich mich beschweren wollte und weil ich ihm einfach einmal meine Situation schildern wollte. Nun hieß es, der Abteilungsleiter sei nicht da, er hätte irgendeinen Termin. Daraufhin habe ich mich auf eine Bank gesetzt und gesagt, dass ich jetzt hier so lang sitzen bleiben würde, bis der Abteilungsleiter käme. 



Man hätte mich von dort wegtragen müssen und ich glaube, dass sie das auch gemerkt haben, denn nach einiger Zeit wurde ich auf einmal zum Abteilungsleiter vorgelassen, obwohl ich niemanden irgendwo rein oder raus gehen gesehen habe, so dass ich vermute dieser Herr war schon die ganze Zeit da. 



Meine finanzielle Situation war mittlerweile so schlimm, dass ich nicht mehr wusste wovon ich die nächsten Tage leben sollte. Ich hatte mir schon von allen möglichen Leuten Geld geliehen und es war mir peinlich nach weiterem Geld zu fragen. Dazu muss ich auch noch sagen, dass alle Leute um mich herum damals ja selber nicht viel Geld hatten, da sie entweder noch in der Ausbildung waren oder erst kurz in einem Beruf. In dieser Zeit hat ein Nachbarsjunge seiner Mutter manchmal Sachen aus dem Kühlschrank geklaut und mir gebracht, damit ich etwas zu essen hatte.



Mein Auftritt bei der Krankenkasse war nicht Mut sondern pure Verzweiflung. 



Ich habe dann diesem Abteilungsleiter meine Geschichte erzählt und da war es auf einmal möglich, doch meine Akte zu finden und ich habe dann auch irgendwann das mir zustehende Geld bekommen. 



Mit den Alimenten verhielt es sich folgendermaßen. Als ich so ganz schlimm in der finanziellen Krise war, habe ich mich bei einer gemeinsamen Bekannten von Frank und mir, darüber beschwert, dass er noch nicht einmal Alimente zahlt. Daraufhin sagte sie mir, dass könne nicht stimmen, er hätte ihr gesagt, dass er an das Jugendamt gezahlt hätte. Daraufhin habe ich beim Jugendamt angerufen und erfahren, es wäre tatsächlich Geld eingegangen, aber man hätte noch nicht veranlasst? oder vergessen? mir das Geld auszuzahlen. Das würde jetzt aber nachgeholt. Ich habe das Geld dann auch irgendwann bekommen. 



In meiner Erinnerung bekomme ich die Zeiträume nicht mehr genau abgesteckt. Es kann immer um ein paar Tage oder je nach Ereignis auch Wochen differieren. Ich weiß aber genau, dass ich wochenlang ohne einen Pfennig meines eigenen Geldes überlebt habe. Ich hatte auch keine Ersparnisse auf die ich zurückgreifen konnte. Weder von der Waisenrente noch von meinem ersten Gehalt war es mir möglich gewesen, irgendwelche Rücklagen zu bilden. 



Ich hatte damals noch eine andere Freundin, die bei der Stadt Köln eine Ausbildung als Verwaltungsfachkraft machte. Während dieser Ausbildung wandern die Auszubildenden von Amt zu Amt und meine Freundin war für einige Monate einmal beim Sozialamt gewesen. Als sie nun mitbekam, wie schlecht meine Situation war, sagte sie mir, ich solle doch zum Sozialamt gehen, normalerweise wären sie für solche Fälle wie mich zuständig. Ich ging also zum Sozialamt und wurde an eine Sachbearbeiterin verwiesen, die sich meine Geschichte anhörte und sehr verständnisvoll war. Sie sagte, dass wäre ein Notfall und es wäre ganz klar, dass mir vom Sozialamt geholfen werden müsste. Sie gab mir einen Zettel mit und schickte mich zu einem anderen Sachbearbeiter, der die Zahlung an mich vornehmen sollte. 



Ich ging zu diesem Sachbearbeiter und musste dort schon wieder meine Geschichte erzählen. Als dieser Mensch (jung, männlich) meine Geschichte gehört hatte, sagte er mir: ob ich eigentlich wüsste, wofür das Sozialamt zuständig wäre, für mich auf jeden Fall nicht. Ich sollte mal zusehen, dass ich an mein eigenes Geld käme und außerdem hätte ich mir ja auch bisher woanders Geld geliehen, da sollte ich mal schön wieder hingehen. 



Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Ich habe nur noch geweint. Bin dann aber wieder zu der ersten Sachbearbeiterin zurückgegangen und, nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte und ihr sagen konnte was vorgefallen war, ging sie zusammen mit mir zu dem anderen Typen (Mensch fällt mir schwer zu sagen) und hat dann veranlasst, dass mir sofort ein gewisser Geldbetrag ausgezahlt wurde. Wie viel weiß ich heute nicht mehr. Zum Abschied bekam ich von diesem Typen dann noch gesagt, dass ich ja wohl wüsste, dass ich das Geld zurückzuzahlen hätte. 



Ich bin dann aber nie vom Sozialamt aufgefordert worden, das Geld zurückzuzahlen, und ich habe auch nie mehr ein Sozialamt von innen gesehen.



Während der ganzen Zeit hat das Jugendamt meine Situation gekannt. Nun zum Thema Jugendamt!



Ca. 4 Wochen nach der Geburt bekam ich einen Brief, in welchem man mir einen Besuch von Jugendamtsmitarbeiterinnen ankündigte. Zu diesem Termin habe ich das ganze Haus geschrubbt und geputzt, da ich damals Angst hatte, man würde mir mein Kind wegnehmen, wenn sie der Meinung wären, ich könnte einen Haushalt nicht richtig führen. 



Da saßen wir zwei nun, Thorsten und Brigitte, sauber geschrubbt, geschniegelt und gestriegelt und wurden begutachtet. Zwei nette Damen vom Jugendamt führen mit mir ein nettes Gespräch und baten mich, einmal selbst beim Jugendamt vorbei zu kommen und darüber zu reden, wie die Zukunft aussehen sollte. 



Ich ging dann zum Jugendamt und mir wurden die verschiedenen Möglichkeiten dargestellt, wie und wo ich mein Kind unterbringen könnte. Das Kinderheim kam für mich überhaupt nicht in Frage, da ich während meiner Schulzeit einige Zeit so genannte soziale Dienste geleistet hatte, was unsere Schule immer sehr förderte. Ich habe mit einer Freundin zusammen sonntags auf die Kinder (ca. 3-5 Jahr alt) eines Kinderheims aufgepasst, damit die dort tätigen Nonnen etwas entlastet wurden. Diese Kinder waren meiner Erinnerung nach alle von allein stehenden Müttern und was sich dort abspielte war für mich das Grauen pur. Nicht die körperliche Versorgung der Kinder. Aber wenn Sonntags die Mütter die Kinder besuchten und sich dann wieder verabschiedeten gab es jedes Mal herzzerreißende Szenen und meine Freundin und ich mussten die Kinder hinterher so gut es ging trösten, wenn die Mütter wieder gegangen waren. 



Noch schlimmer waren aber die Kinder dran, die keinen Besuch erhielten. Ich habe in diesem Heim zum ersten Mal Hospitalismus kennen gelernt, obwohl ich damals das Phänomen und das Wort gar nicht kannte.



Zurück zum Jugendamt: Ich wurde nach dem Hausbesuch der Jugendamtspflegerinnen mehrmals zum Jugendamt bestellt, wie oft weiß ich heute nicht mehr. 



Damit ich meine Situation einmal genauer bedenken konnte und damit ich etwas zur Ruhe finden sollte, machte man mir den Vorschlag, mein Kind (jetzt 3 Monate alt) in eine Wochenpflegestelle zu geben. In meiner Erinnerung waren die Pflegeeltern ganz nett. Etwas gestört hatte mich nur, dass dort noch mehrere kleine Kinder untergebracht waren, vielleicht waren es aber auch die eigenen. Ich habe bei mir nur gedacht, wie schafft die Frau das alles? 



Ich habe Thorsten Freitagabends geholt und Sonntagsnachmittag gebracht. Schon nach der ersten Woche merkte ich, wie er sich veränderte. Thorsten war vorher ein ganz „normales" Baby. Manchmal schrie er, manchmal nicht. Er hat geschlafen, getrunken, gestrampelt, eben alles was ein Baby so macht. Jetzt verhielt er sich aber anders. Er war weinerlich geworden, unruhig und manchmal auch etwas schreckhaft. 



Bei dem Gespräch mit dem Jugendamt über die Unterbringungsmöglichkeiten hatte man mir auch die Freigabe zur Adoption geschildert, und ich bekam „ausführlich" erzählt, was die Konsequenzen einer Adoption für Mutter und Kind wären. Die Mutter musste darauf verzichten, das Kind großzuziehen und es zu sehen, dafür würde das Kind bei anderen Eltern aber so aufwachsen, als wären es die eigenen Eltern. 



Beim nächsten Gespräch, wurde mir gesagt, dass gerade zum jetzigen Zeitpunkt ein quasi ideales Elternpaar ein Kind suchte. Der Mann war Zahnarzt, die Frau Lehrerin. Sie hatten ein eigenes Haus und einen großen Garten und Großeltern gab es auch noch. Es war alles perfekt bei diesen Menschen. Und wenn Thorsten groß wäre, würde er gesagt bekommen wer seine tatsächliche Mutter wäre und er könnte dann mit mir Kontakt aufnehmen. Und für das Wohl des Kindes gab es nichts Besseres und ich wäre ja noch so jung und könnte doch später noch viele Kinder bekommen.



Die Adoptiveltern hatten alles. Ich hatte nichts. 



Bei einem der weiteren Gespräche, zu welchen ich bestellt wurde, habe ich die Adoptionsurkunde unterschrieben. Thorsten war bei den Pflegeeltern und wurde dort von den Adoptiveltern abgeholt.



Was ich heute dem Jugendamt vorwerfe ist, im geringsten Fall, unterlassene Hilfeleistung! Mir ist aber mittlerweile ein anderer Verdacht gekommen, den ich jetzt schildern werde. 



Ich gehe heute davon aus, dass das Jugendamt meine gesamte Vorgeschichte durch den Sozialdienst katholischer Frauen kannte, bzw. hätte kennen können, da ich sicher bin, dass die verschiedenen Ämter zusammenarbeiten. Für das Jugendamt war ich der gläserne Mensch. 



Ich hätte damals wohlwollende!! Unterstützung und Beratung durch verständnisvolle Menschen gebraucht. Die erste Priorität hätte darin bestehen müssen, Hilfe zu leisten und mir gangbare Wege für ein gemeinsames Leben mit meinem Kind aufzuzeigen. Auf die Veränderung des Verhaltens von Thorsten durch die Pflegestelle hätte man mich aufmerksam machen müssen, da diese Veränderung im Verhalten von Thorsten, aufgrund der veränderten Bedingungen, völlig normal war. Mir wurde aber nur die Adoption als einziger Weg dargestellt, der für das Kind ein unbeschwertes Leben garantierte. 



Jetzt komme ich zu meinem Verdacht. 



Ich kann mir mittlerweile aber auch sehr gut vorstellen, dass das Jugendamt ausgezeichnete Arbeit geleistet hat, als es darum ging, ein unfruchtbares Akademikerehepaar des gehobenen Mittelstandes mit einem gesunden, erstgeborenen Kind zu versorgen.



umkehrte. Nachdem ich mir mein Gehirn zermartert hatte, was ich tun könnte, kam mir die Idee, Kontakt mit den Adoptiveltern aufzunehmen, auch in der Hoffnung, wir könnten vielleicht einmal alle zusammen ein gutes Verhältnis haben. 



Ich habe mir dann die Telefonnummer herausgesucht und bei Familie Gärtner in W. angerufen. Frau Elisabeth Gärtner war am Apparat und alles andere als erfreut über meinen Anruf. Ich hatte den Eindruck sie hätte am liebsten sofort wieder aufgelegt. Aber ich habe es geschafft, sie in ein Gespräch zu verwickeln und sie dann um ein Treffen gebeten, da ich sie gerne kennen lernen wollte. 



Ihr Gegenargument war: Ich hätte weder mit ihnen noch mit Martin irgendetwas zu tun, da ich damals die Urkunde unterschrieben und damit keine Rechte mehr an Martin hätte. Zum Schluss sagte sie mir jedoch zu, dass sie mit Martin sprechen wollte und ihm die Entscheidung dann überlassen würde. Nun ja, nach einigen Gesprächen war Frau Gärtner bereit, sich mit mir zu treffen und mein Mann und ich sind an einem Sonntagnachmittag nach W. gefahren. Herr und Frau Gärtner hatten Kaffee gekocht, Kuchen gebacken und den Tisch gedeckt. Nach dem Kaffeetrinken hat Herr Dr. Gärtner die Familienfotoalben herausgeholt. Da er Hobbyfotograph ist, waren es eine ganze Menge. 



Ich habe nach 28 ½ Jahren das weitere Leben meines Sohnes gesehen.



Als ich die Fotoalben durchstöberte hat Herr Dr. Gärtner mich ständig beobachtet. Immer wenn ich einmal aufschaute, senkte er schnell den Blick und schaute woanders hin. Wenn ich ihn aus den Augenwinkeln beobachtete, kam mir sein Blick so vor, als erwartete er von mir ein Urteil. Ungefähr so, als ob er fragen wollte: „Haben wir doch gut gemacht. Bitte sag, dass wir es gut gemacht haben."



Frau Gärtner kommentierte hauptsächlich die verschiedenen Ereignisse, die auf den Bildern festgehalten waren. Dann sagte sie etwas, was mich stutzig machte und mir nicht mehr aus dem Kopf ging.



Und zwar erzählte sie, wie sie an meinen Sohn gekommen sind. Sie hatten sich nach der Adoption des ersten Kindes (Martins Adoptivschwester Renate) an das für sie zuständige Jugendamt gewandt, waren aber mit der dortigen Jugendamtspflegerin überhaupt nicht zu recht gekommen. Deshalb hatten sie sich wieder an das Jugendamt in Köln gewandt und zwar an die Jugendamtspflegerin, die ihnen auch schon die Tochter vermittelt hatte. Diese Dame hat das dann auch wieder genauso gut gemacht wie beim ersten Mal.



Ich saß da auf meinem Stuhl und dachte nur, merkt die Frau überhaupt was? Ich sitze hier und schaue auf das Leben meines Sohnes und sie erzählt mir eine Geschichte die sich für mich so anhörte: „Da bin ich in den neuen Laden gegangen. Da hat man mich aber gar nicht gut bedient. Deshalb ging ich wieder in den alten Laden und da war auch noch die Verkäuferin, die meinen Geschmack kannte, und da habe ich wieder die von mir gewünschte Ware erhalten."



Gleichzeitig fiel mir ein, dass Martin erzählt hatte, dass sein Adoptivvater in den ersten Jahren nach der Adoption öfter bei mir und bei Frank zuhause angerufen hätte, ohne sich jedoch zu melden oder etwas zu sagen. Er wollte nur wissen, ob es uns noch gibt. Ich frage mich, welches Interesse hat eine Person daran, sich meiner Existenz zu versichern, wo ich doch alle Rechte an dem Kind an ihn abgetreten hatte und er jetzt quasi der „leibliche" Vater von Martin war. Es hätte ihm doch egal sein können, ob es mich und Frank noch gab oder nicht. Herr Dr. Gärtner musste damals sogar meine Telefonnummer recherchiert haben, da ich zum Zeitpunkt der Adoption keinen Telefonanschluss hatte und mir erst später einen anschaffte.



Mir ist nach dem Besuch in W. zum ersten Mal der Verdacht gekommen, dass mit der Adoption etwas nicht stimmen könnte. Die ganzen Umstände und Verwicklungen, die ich immer als schlimme Zufälle gesehen habe, waren vielleicht keine Zufälle. Ich hatte damals folgende Assoziationen: 



1. Zahnarzt, Dr. Günther Gärtner – Kontakt zur Krankenkasse – Zahlung des Mutterschaftsgeldes wird hinausgezögert um die Mutter auszuhungern und schneller willig zu machen.

2. Jugendamtspflegerin Köln – spielt „Lieber Gott" da ja klar war, dass ich ein Problemfall war und es für das Kind allemal besser wäre in „geordneten" Verhältnissen aufzuwachen – Zahlung der Alimente wird hinausgezögert. 

Oder:



Punkte 1 und 2 wie vor, plus ein Betrag x, den man als Spende an das Jugendamt gibt, als Freundschaftsgeschenk an den Geschäftsstellenleiter der Krankenkasse und vielleicht auch noch an Frau Jugendamtspflegerin?



Mein Mann hat mich dann wieder davon abgebracht, da er sagte, ich solle mich doch nicht in solchen Spekulationen verfangen, sonst würde ich wahrscheinlich noch verrückt. Ich habe dann auch lange Zeit davon Abstand genommen. Seit einem Telefonat mit Martin, vor einigen Monaten, bin ich aber wieder darauf zurückgekommen. 

Martin hatte mir bis dahin noch nicht viel aus seinem bisherigen Leben erzählt. Nun schilderte er mir nach welchen Kriterien seine Adoptiveltern ihre Kinder ausgesucht hatten. Es mussten erstgeborene Kinder sein, weil diese zum Aufziehen die Besten wären. Die Adoptivmutter hatte ihm gesagt, er hätte damals bei den Pflegeeltern so hilflos herumgelegen und sie angelächelt, so dass sie Mitleid bekam und ihn einfach mitnehmen musste. Was ja überhaupt nicht stimmte, da schon Wochen vorher feststand, dass sie genau dieses Baby adoptieren würden. 

Die Auswahlkriterien die Herr und Frau Gärtner für ihre „Adoptivkinder" zugrunde legten, erinnern mich stark an gewisse Ideologien und sollte das Jugendamt davon gewusst haben, ist es mir unverständlich, wie sie dieses unterstützen konnten. Danach wäre mein zweitgeborener Sohn, es wohl nicht wert gewesen, großgezogen zu werden. 





Erklärung für meinen Verdacht, dass es bei der Adoption nicht mit rechten Dingen zugegangen ist:



Auf die Idee, dass man mir mein Kind durch Manipulation abgenommen haben könnte, bin ich die ganzen „30" Jahre nicht gekommen. Erst durch die Äußerungen von Elisabeth Gärtner sowie die Berichte von Martin über die Adoptiveltern kam mir der Verdacht. 



Im Wesentlichen sind es folgende Punkte die mich stutzig machen.



- Als ich Frau Gärtner anrief und sie um ein Treffen bat, sagte sie als erstes zu mir: „Was wollen Sie denn, Sie haben doch durch Ihre Unterschrift auf alle Rechte an Martin verzichtet!" Abgesehen von der merkwürdigen Vorstellung von Frau Gärtner, dass man durch Unterschrift darauf verzichten kann, jemanden zu lieben, fand ich noch etwas merkwürdig: Frau Gärtner konnte nicht wissen, dass ich sie anrufen würde und mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie auch nicht damit gerechnet, so dass ich davon ausgehe, dass sie zum Zeitpunkt meines Anrufes völlig unvorbereitet war. Das erste was ihr als Argument einfällt ist die Tatsache, dass ich vor fast 30 Jahren die Adoptionsurkunde unterschrieben habe. Das muss ja damals für sie eines der größten Ereignisse ihres Lebens gewesen sein, als ihr mitgeteilt wurde, dass ich endlich unterschrieben habe. 

- Die Bemerkung von Frau Gärtner, dass sie mit dem für sie zuständigen Jugendamt bzw. der dortigen Vermittlerin nicht klargekommen ist und sich wieder an das Jugendamt in Köln gewandt hat. 



- Die anonymen Anrufe von Herrn Dr. Gärtner bei uns (den leiblichen Eltern). 



- Die Auswahlkriterien des Ehepaares Gärtner (Erstgeborene) für „ihre" Kinder und falsche Darstellungen gegenüber Martin, was sein „Vor-Adoptivleben" anbelangt.



- Das Jugendamt hat nicht versucht, Kontakt mit dem leiblichen Vater aufzunehmen um herauszufinden, ob es hier eine Unterbringungsmöglichkeit bzw. die Bereitschaft dazu gab. 

Einfügung Juli 2006: hier muß ich mich revidieren, nach einem Gespräch mit der Kölner Adoptionvermittlung ergibt sich folgende Sachlage:

Der Kindesvater, ***, ist aktenbekannt und wurde in 09/1974 und 10/1974 über die bevorstehende Adoption unterrichtet. Er war mit der Adoption einverstanden und hat ausgeschlagen, seinen Sohn selbst adoptieren zu wollen.



Ich lasse meine ursprüngliche Vermutung hier aber trotzdem stehen, da es in vielen Fällen auch heute noch so läuft, dass die Väter außer Acht gelassen werden, um den Adoptionsvorgang nicht zu (ver-) behindern. 





Nachdem mir vorgenannter Verdacht gekommen ist, habe ich zum ersten Mal angefangen ganz gründlich über die Zeitspanne zwischen Geburt und Adoption nachzudenken. Ich denke, warum erst jetzt, bedarf einer Erklärung.



Nach der Adoption habe ich alles, was damit zu tun hatte, in eine Kiste gepackt und diese auf den tiefsten Grund des Meeres versenkt. In der Sprache der Psychologen nennt man dies wohl „Verdrängung". Durch das Auftauchen von Martin ist auch die Kiste wieder aufgetaucht und ich habe begonnen, mir ihren Inhalt anzuschauen. 



Das erste und, wie ich ursprünglich dachte, das schlimmste (außer der Adoption) war für mich das Kapitel Frank. Dieser Mann hatte es geschafft, mich in einen Zustand zu versetzen, in welchem ich fast jegliches Selbstwertgefühl verloren hatte. 



Dann fiel mir wieder meine damalige finanzielle Misere ein und was ich nicht alles unternommen habe, um an Geld zu kommen. Daneben lief ja auch noch alles andere: das Baby versorgen, der Haushalt, das ständig reparaturbedürftige Haus, den Verlust des Partners verkraften. 



Vor kurzem habe ich aber angefangen, einmal über die Rolle, welche das Jugendamt in meinem Leben gespielt hat, nachzudenken. Dazu muss ich bis zum Beginn meiner Schwangerschaft ausholen. 



Als die Schwangerschaft feststand verlangte Frank eine Abtreibung von mir, der ich mich jedoch widersetzte. Zum damaligen Zeitpunkt waren Abtreibungen genauso möglich wie heute, wenn man wusste, an wen man sich wenden konnte und entsprechend dafür zahlte. Mein Frauenarzt hat es mir angeboten und es hätte 300 DM gekostet. Eine Freundin von mir hatte dies zwei Jahre vorher praktiziert und so bin ich auch an diesen Frauenarzt gekommen, der ansonsten eine ganz normale Praxis betrieb und m.E. Abtreibungen nicht vornehmlich aus finanziellen Aspekten durchführte. 



Ich habe bis zu dem Zeitpunkt, als mich das Jugendamt darauf ansprach nie daran gedacht, mich von meinem Kind zu trennen. Und wenn ich mir selbst vor Augen führe, was ich alles unternommen habe, um ein Leben mit meinem Kind möglich zu machen, dann denke ich heute, dass es für mein damaliges Alter eine ganze Menge war und, dass ich es auch geschafft hätte, einen Weg für ein lebenswertes Leben zu zweit zu finden.



Ich gehe heute davon aus, dass das Jugendamt es geschafft hat, mir mein Kind abzuschwindeln und die gesamte „Beratung" nur auf dieses Ziel hinauslief.



Durch das Einreden von schlechtem Gewissen: 

„Sicherlich können Sie ihr Kind so oder so unterbringen, aber denken Sie dabei auch an das Wohl Ihres Kindes oder nur an sich selbst?" 



Durch das Vorenthalten von Wissen: 

Adoptivkinder haben alleine schon durch den Umstand ein solches zu sein, gegenüber anderen Kindern ein Defizit. Mir wurde damals fälschlicherweise gesagt: „Das Kind merkt ja nichts und wird wohlbehütet in einer richtigen Familie aufwachsen." Der Verlust lag folglich nur auf meiner Seite, für mein Kind war es ein Gewinn.



Durch die Trennung von Mutter und Kind:

Nachdem mein Kind bei den Pflegeeltern untergebracht war, welche ich durch die „unterstützende" Hilfe des Jugendamtes gefunden hatte, empfand ich zunächst eine gewisse Erleichterung. 



Ich konnte das erste Mal eine Nacht durchschlafen. Jeder, der ein Kind hat weiß, wie das mit dem Schlafen in den ersten Monaten nach der Geburt ist. Bei Alleinerziehenden kommt erschwerend hinzu, dass sie sich das nächtliche Aufstehen nicht mit einem Partner teilen können und. 



Ich hatte nicht mehr das Problem, wer passt auf mein Kind auf, wenn ich Behördengänge etc. machen musste. Da ich damals kein Telefon hatte, war schon der Gang zur Telefonzelle für mich ein Umstand, den ich genau planen musste. 



Es hätte aber auch andere Maßnahmen gegeben, um mir das Leben zu erleichtern:



Einen Jugendamtspfleger, der mit mir zusammen zum Sozialamt geht oder, der mich über meine Rechte gegenüber dem Sozialamt aufklärt. 

Unterstützung des Jugendamtes beim Verkauf des Elternhauses (Erbengemeinschaft). Im Grund genommen war ja ein, wenn auch kleines Vermögen vorhanden, wovon ich mindestens 3 Jahre mit meinem Kind hätte leben können, ohne arbeiten gehen zu müssen.



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